Schlingensief – In das Schweigen Hineinschreien

Filmkritik zu:

Schlingensief – In das Schweigen Hineinschreien

von Reinhard

 

Über den Film:

Einer der aktivsten Künstler Deutschlands, der letzten Jahrzehnte. Tot seit jetzt zehn Jahren. Und hier die Würdigung in bewegten Bildern.

Christoph Schlingensief,

einer von der unbequemen Sorte. Einer der aneckte, und das auch wollte. Es bewusst einsetzte.

Angefangen hat er sehr Jung, mit Schauspielern und Kamera. Und dabei nannte sich damals schon Regisseur. Als eines von sechs Kindern seiner Familie, nur das die anderen nie geboren wurden. Er musste also die Rolle aller übernehmen, wie er mehrfach berichtet. Denn er ist ständig im Bild. Viele Dokumentaraufnahmen. Die ältesten von seinem Vater erstellt, die ihn zeigt, wie er eine Respektsperson darstellt. Ein Thema, das ihn verfolgt.

Dann werden seine Stationen aufgezeigt. Die ersten, Amateurhaften, Filmchen. Die aber immer größer und aufwendiger werden. Die Vorführung auf der Berlinale, bei der die Hälfte der Leute vorzeitig gingen. Und ich wäre sicherlich einer davon gewesen. Es ist nämlich ein absolut überdrehtes Stück Avantgarde, genau die Art von Film bei der ich schreiend davon laufe. Aber einigen Leuten hat es auch gefallen.

Aus dem Studium an der Filmhochschule wurde nichts. Aber er blieb trotzdem beim Film. Und wird dann sogar Theaterregisseur, und tritt oft in seinen Stücken selbst auf, wie er es auch in seinen Filmen machte. Dabei sind diese Stück ähnlich, wie seine Filme, extrem provokant. Ein Statement zu unserer Gesellschaft und wie er sie wahrnimmt.

Aber er macht auch immer mehr Aktionen. Etwa wenn er in Wien, ganz Big Brother like, Asylsuchende ausstellt, von denen man welche Gewinnen kann. Oder wenn er eine Gameshow veranstaltet bei der man, als erste Aufgabe, Konzentrationslager von Norden nach Süden ordnen muss. Oder wenn er mit Behinderten arbeitet, die er in höchsten Tönen lobt.

Das alles wäre nur halb so gut, wenn nicht ständig Schlingensief seine eigene Arbeit kommentieren würde. Manchmal auch erklären, oft aber auch sich selbst kritisiert. Dadurch bekommt dieses Interview eine Metaebene, die auch notwendig ist. Denn die Gedanken die er sich zu einem Projekt macht, sind komplexer als es den Anschein macht.

Es geht eben nicht nur darum zu provozieren. Auch nicht als er seine eigene Krankheit verarbeitet, und – natürlich – ein Bühnenstück daraus macht.

Aber bei aller Biografie kommt man dem Menschen Schlingensief nicht unbedingt näher. Was ist die Triebfeder seines Auftretens? Jenseits einiger biografischen Fakten erfährt man wenig über ihn. Man muss wohl den Künstler aus seiner Arbeit ableiten. Und dabei ist der Film nicht kritisch. Er wertet eigentlich überhaupt nicht, was gut ist. Aber eine kritische Würdigung findet eben nicht statt. Höchstens durch Schlingensief selbst, was mit wiederum gefallen hat.

Es bleibt ein zwiespältiges Gefühl. Einerseits ein großartiger Künstler, der es verdient hat, dass seine Arbeit in einem großen Kinofilm aufgezeichnet wird. Andererseits habe ich das Gefühl, das etwas fehlt, manche Seiten nicht beleuchtet werden. Daher bekommt er nur vier Hüte, also immerhin ein guter Film.

Technisches:

Regie: Bettina Böhler Andere Filme: Auf der Suche nach Ingmar Bergman (2018)

Buch: Bettina Böhler Andere Filme: –

Darsteller:

  • Christoph Schlingensief Andere Filme: The African Twintowers (2008), Freakstars 3000 (2004), Die 120 Tage von Bottrop (1997)
  • Tilda Swinton Andere Filme: The Dead Don’t Die (2019), Doctor Strange (2016), Only Lovers Left Alive (2013)
  • Udo Kier Andere Filme: American Animals (2018), Iron Sky – Wir kommen in Frieden (2012), Melancholia (2011)
  • Sophie Rois Andere Filme: Glück ist was für Weicheier (2018), Burg Schreckenstein (2016), Zum Geburtstag (2013)

Musik: Helge Schneider Andere Filme: 00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse (2013), Jazzclub – Der frühe Vogel fängt den Wurm. (2004), Die 120 Tage von Bottrop (1997)

Verleih: Weltkino Filmverleih


Laufzeit: 124 Minuten
Genre: Dokumentation
Start: 2. April 2020

Homepage: Homepage

IMDB: imdb

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